PS4

Kritik zu Sniper Elite 4

Mit traumhaftem Urlaubsflair schafft Rebellion eine tolle Kulisse für Schnappschüsse in Sniper Elite 4, doch gelingt dem Team der Volltreffer?

Leise krieche ich durch die deutsche Militärbasis. Mit Engelsgeduld markiere ich Ziele, ziehe unachtsame Soldaten in den Tod und verstaue deren Leichen. Und dann passiert es: Ein heller Blitz gibt mir zu verstehen, dass ich vom feindlichen Scharfschützen gesichtet wurde. Nun geht alles sehr schnell. Er gibt einen Schuss ab, der Alarm ertönt. Meine Sorgfalt zahlt sich aus, doch Verstärkung rückt bereits an. Nun wird es laut und da hinten setzen sich bereits Panzer in Bewegung. Wer kam denn bitte auf die idiotische Idee, einen Sniper gegen Panzer kämpfen zu lassen?!

Sniper Elite 4 ist der neueste Teil der seichten Scharfschützen-Erfahrung von Rebellion. Titelheld Karl Fairburne wird ins mediterrane Italien versetzt, denn dort werkeln die Nazis an ihren schlimmen Plänen. Mit gewohnter Präzision und der gehörigen Portion Explosionen heizen wir den Deutschen ein, geraten dabei in ein vorhersehbares Geflecht aus Lügen und Intrigen und finden am Ende vielleicht sogar so etwas wie unseren Frieden.

Rebellion erzeugt in Sniper Elite 4 ein großartiges Scharfschützen-Feeling und lässt uns die Wahl, ob wir auf große Entfernung agieren oder in kurzer Distanz fies sabotieren wollen. Die gewaltigen Karten bieten interessante Orte, sind toll inszeniert und erzeugen dadurch das präsente Gefühl eines lebendigen Sandkastens. Ein echter Hingucker sind dabei die malerischen Küsten, Häfen, Wälder, Schlösser und Berge Italiens, die uns wirklich immer wieder die Schrecken des Krieges vergessen lassen. Das bildhübsche Szenario steht dabei natürlich im krassen Gegensatz zur sadistischen Gewaltdarstellung des Spiels, das uns begierig vor Augen führt, was wir da gerade tun.

Das Größenverhältnis vom neuen Sniper Elite ist wirklich gigantisch. Damit wir auf den riesigen Karten genügend Abwechslung finden, haben die Entwickler ein kleines Quest-System geschaffen. Bevor eine Mission startet, bekommt Karl die Gelegenheit, mit seinen derzeitigen Verbündeten zu sprechen und die Hintergrundinformationen für die kommende Mission zu erfahren. Ob wir mit den Figuren sprechen oder nicht, hat dabei lediglich einen rein narrativen Hintergrund, einen großen Mehrwert bringen sie ansonsten nämlich nicht mit sich. Wer Nebenmissionen ignoriert, kommt gut durchs Spiel, dann gibt es halt weniger Ablenkung.

Jedes Item im Inventar hat nun eine zweite Funktion und das ermöglicht uns unterschiedliche Herangehensweisen. Stockgranaten sind zum Beispiel optional in Klebeband eingewickelt, damit sie an Oberflächen haften. Tellerminen dürfen so manipuliert werden, dass sie erst bei der zweiten Berührung explodieren und somit der Verstärkung den Weg abschneiden. Bei den Waffen ist der sekundäre Feuermodi meist die schallgedämpfte Variante für unterdrückte Gefechte auf engem Raum. Wer es direkt und laut mag, wird sich an bildgewaltigen Explosionen und Kettenreaktionen des Todes erfreuen. Allerdings – und da sind wir auch schon bei den Negativpunkten des Spiels – müssen sich diese Spieler einschränken.

Die Gegner-KI ist leider immer noch ein großes Problem der Sniper Elite-Serie. Zwar wurden die Routinen der Nazi-Dummköpfe überarbeitet, wir sprechen hier jedoch nur von marginalen, für den Spieler kaum spürbaren Veränderungen. Das Verhalten der Gegner ist nach wie vor stumpfsinnig und bietet durch die Vorhersehbarkeit keine Herausforderung. Eine Begegnung mit den Nazi-Deutschen wird erst dann schwierig, wenn wir entdeckt wurden und dem Alarmradius nicht entkommen. Denn dann rückt die Verstärkung an und Sniper Elite 4 wird zu einem leeren Shooter. Rebellion verzichtet weitestgehend auf neu spawnende Feinde, hält es mit der Gegnerdichte jedoch recht hoch. Wenn der Alarm einmal ausgelöst ist, rückt quasi die halbe Nazi-Belegschaft an. Ist die abgewehrt, stehen anschließend weite Teile der Karte leer.

Ich bin es leid, ständig über „die doofe KI“ zu meckern. Ehrlich gesagt macht Rebellion da kaum etwas falsch. Die entscheidende Problematik ist meiner Meinung nach die Entdeckungsanzeige und die ist aus Stealth-Spielen irgendwie ja auch nicht wegzudenken. Schwierigkeitsgrad, Sichtlinie und andere Faktoren beeinflussen, wie schnell sich diese füllt und wann Karl entdeckt wird. Erst dann reagiert der Soldat mit entsprechenden Befehlen und genau das hat mit einem realistischen, menschlichen Verhalten natürlich überhaupt nichts zu tun. Es ist eine Grenze des Spiels, die uns immer wieder negativ auffallen wird. Rebellion macht einen anständigen Job, für ein solches Genre müsste man trotzdem eine bessere Lösung finden.

Wer häufig auf Tuchfühlung mit den Nazis geht, stößt ohnehin recht schnell an die Grenzen des Spiels. Sniper Elite 4 nutzt ein halbdurchlässiges Deckungssystem, das sich meist unterstützend von allein aktiviert und uns die Möglichkeit gibt, mit Karl über eine Kante zu lehnen oder um eine Ecke zu schauen. Über das Radialmenü dürfen wir wählen, ob die Kamera links oder rechts neben dem Kopf filmt, denn Sniper Elite ist seit jeher ein Third-Person-Shooter. Auch wenn das nach einiger Eingewöhnung flink klappt, ist das ständige Pausieren einfach nicht die sinnvollste Lösung.

Was mir sehr gut gefallen hat, ist der anpassbare Schwierigkeitsgrad. Bevor wir mit Karl auf Nazijagd gehen, dürfen wir im Hauptmenü die Einstellungen der nächsten Mission festlegen. Leben, Zielgenauigkeit und die Aufmerksamkeit der SS-Schergen sind adaptiv, ebenso wie die Eigenschaften der Scharfschützenmechanik – dazu gehören Auswirkung von Wind und Ballistik, regionale Übertönung von Gewehrschüssen und das Einblenden des Eintrittspunktes unserer Kugel zum Beispiel. Durch diese flexible Handhabung dürfte wirklich jeder ein Spielerlebnis bekommen, das optimal auf die eigenen Fähigkeiten zugeschnitten ist.

Im kompetitiven Multiplayer wird sehr klar, wer das Genre beherrscht und wer die Kampagne ausschließlich mit der optionalen Kugel-Zielhilfe durchspielt. Wenn ein Spieler durch das Zielfernrohr schaut, blitzt er auf dem Bildschirm seiner Widersacher auf und ist ein gefundenes Fressen. Wer Entfernungen und ballistische Einflüsse selbstständig einschätzt, trifft häufiger, zielt schneller und wird deshalb belohnt. Hierbei zeigt sich Rebellion kreativ und entwickelt neben dem Standard-Deathmatches Spielvarianten, in denen etwa das Team oder der Spieler gewinnt, dessen tödliche Schüsse am weitesten fliegen, bevor sie ihr Ziel erreichten. In einem anderen Spielmodus sind die beiden Mannschaften durch eine unpassierbare Ebene voneinander getrennt und müssen sich vollkommen auf ihre Zielfähigkeiten verlassen.

Sniper Elite 4 bietet jedenfalls einen umfangreichen Multiplayer. Im Koop-Modus dürfen wir zum Beispiel die Kampagnenlevel mit einem Online-Partner angehen und gemeinsam Chaos stiften, mit bis zu drei Freunden Nazischergen im Survival abwehren und in Overwatch einem Buddy Feuerunterstützung geben. Vollständigkeitsfanatiker und Sammler werden sich über das Waffenupgrade-System freuen. Wer die jeweiligen Herausforderungen meistert, verbessert die Lieblingsknarre und schaltet etwa ein besseres Visier, verringerte Streuung oder einen goldenen Skin frei. Eine Neuerung ist zudem das Einführen eines Fähigkeitenbaums für Karl und die anderen Charaktere im Multiplayer. Der fällt allerdings nicht gerade umfangreich aus und lässt nur kleine Abweichungen vom normalen Spielstil zu.

Ein solider Einzelspieler und dicke Mehrspieler-Unterhaltung, das ist Sniper Elite 4. Die Kampagne unterhält durch schiere Masse, Herausforderungen, Freischaltbares und der Sammelzwang sorgen bei Sniper Elite 4 für zusätzliche Motivation. Im Vergleich zum dritten Teil hat sich nicht sonderlich viel getan und das ist eine echte Schande. Rebellion hat zwar ein (wir haben die PS4-Version getestet) weitestgehend bugfreies Spiel hinbekommen, die offensichtlichen Probleme mit der Gegner-KI, dem Hineinrutschen in unzerstörbare Objekte und diese lästigen Kämpfe gegen gepanzerte Fahrzeuge sind nach wie vor schlimm. Zu meinem großen Bedauern ist Sniper Elite 4 nicht die großartige Überraschung geworden, die ich mir erhofft habe. Ich bin ein großer Fan dieser Sniper-Spiele, mag das mediterrane Flair und die Gameplay-Mechanik sehr, doch das Spiel ist trotz frischem Flair insgesamt unglaublich repetitiv. Und so lustig es auch ist, Nazis abzuknallen, die Luft ist mittlerweile einfach raus.

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